Abendvortrag im Rahmen der Tagung „Das Frontend als ‚Flaschenhals‘? Mediävistische Ressourcen im World Wide Web und ihre Nutzungspotentiale für eine Digitale Prosopographie“

Jenseits der Flaschenhälse. Digitale Prosopographie und historische Netzwerkforschung von Europa bis Ostasien zwischen Geschichtswissenschaft und Komplexitätstheorie

Referent: Dr. Johannes Preiser-Kapeller, Institut für Mittelalterforschung/Abteilung Byzanzforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Datum: 20. Februar 2020, 20.00 Uhr

Ort: Universitätshauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena, HS 250

Tritt die Geschichtsforschung in das Zeitalter von „big data“ ein, in dem „die Vergangenheit genauso zugänglich wird wie die Gegenwart“? Oder erfüllt sich gar, 100 Jahre nach seiner Geburt, die Verheißung des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov (1920-1992), dass eine neue Wissenschaft von der Geschichte plausible Prognosen über die Zukunft ermöglicht? Solche und ähnliche Ankündigungen bevölkern Websites, Pressemeldungen und Projektanträge.

Tatsächlich wächst die Zahl der digital erfassten Daten über Personen, Ereignisse, Orte, Texte und Artefakte ständig, auch im immer globaleren Feld der Mittelalterforschung für ganz Afro-Eurasien. Auf dieser Grundlage können Verflechtungen innerhalb von Gesellschaften und zwischen Weltregionen in ihrer Komplexität und Veränderung neu erfasst, kartiert und analysiert werden. Jedoch stellt die Fragmentierung des gesammelten Wissens zwischen verschiedenen „Datensilos“ und Disziplinen mit ihren je eigenen Regeln nach wie vor ein nicht unerhebliches Hindernis dar. Ebenso sind sich die verschiedenen Zünfte der Historikerinnen und Historiker noch nicht klar, wieviel an Quantifizierung, Visualisierung und Mathematisierung „ihres“ Materials sie verdauen können oder wollen. Sie müssen aber gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass aus den Naturwissenschaften kommende Initiativen wie „Sociophysics“ oder „Cliodynamics“ das Feld der Geschichtsforschung mit beanspruchen oder sogar neu definieren wollen.

Auf der Grundlage einzelner Fallstudien und eigener Erfahrungen der Mitarbeit an solchen Initiativen beleuchtet der Vortrag diese Ansätze, ihre Potentiale und Probleme. Dabei soll deutlich werden, dass die (mediävistische) Geschichtsforschung über die „bloße“ Digitalisierung hinaus neue Instrumente, wie etwa die Netzwerkanalyse, in ihren Werkzeugkasten aufnehmen muss. Doch bieten gerade die traditionellen „Tugenden“ der Historikerin/des Historikers auch im „digital turn“ die Mittel, um der unkritischen Verschmelzung höchst unterschiedlicher Daten und ihrer grob vereinfachenden Deutung entgegenzutreten.

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